Vor Beginn der NHL-Saison: Eishockeylegende Marco Sturm im exklusiven Interview
Wir wollen immer besser werden!
Marco Sturm: „Wir sind vielleicht nicht die talentierteste Mannschaft – aber wir wollen immer besser werden“
Passend zum Start der neuen NHL-Saison: Boston-Bruins-Head-Coach spricht in der „Sportstunde“ über seine erste NHL-Saison, Playoffs, Peterka, Reichel, Führungsstil und das Bundesverdienstkreuz
Rodgau/Boston – Marco Sturm ist zurück im NHL-Alltag. Nach einer erfolgreichen ersten Saison als Head Coach der Boston Bruins geht der deutsche Trainer in seine zweite Spielzeit hinter der Bande der traditionsreichen Franchise. In der neuen Ausgabe des Sportpodcasts „Sportstunde“ spricht Sturm mit Moderator Oliver Dütschke ausführlich über seinen Weg zum ersten deutschen NHL-Head-Coach, seine Erfahrungen in Boston, den Einzug in die Stanley-Cup-Playoffs und die Herausforderungen der neuen Saison.
Die erste Saison unter Sturm endete für Boston mit 100 Punkten und dem Einzug in die Playoffs. Dort unterlagen die Bruins den Buffalo Sabres in sechs Spielen. Für Sturm war die Postseason dennoch eine wichtige Erfahrung für seine Mannschaft und insbesondere für die jüngeren Spieler.
Ein besonderer Moment des Sommers war für Sturm zudem die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Die Auszeichnung würdigte sowohl seine sportlichen Leistungen als auch sein soziales Engagement. Seit 2004 unterstützt Sturm mit seiner Stiftung krebskranke Kinder und deren Familien.
„Das Schöne ist: Die Spieler kennen mich schon“
Mit Blick auf den Saisonstart beschreibt Sturm die kurze NHL-Vorbereitung als besondere Herausforderung:
„Es ist nicht einfach. Deswegen bin ich wirklich froh darüber, dass ich letztes Jahr verpflichtet worden bin. Da waren es noch drei Wochen. Man versucht wirklich, in den nächsten Tagen alles reinzubringen, was möglich ist, in die Köpfe der Spieler. Aber das Schöne ist: Sie kennen mich schon, sie kennen das System.“
Für Sturm geht es deshalb weniger darum, alles neu zu erfinden, sondern um die Weiterentwicklung bereits etablierter Abläufe.
„Es wird sich nicht großartig viel verändern, aber so Kleinigkeiten. Generell ist der Grundstein gelegt und deswegen werden wir gleich von Tag eins wieder daran arbeiten, was ich vielleicht im Sommer vergessen habe.“
Der Weg zum NHL-Head-Coach
Sturms Weg an die Spitze der Boston Bruins war lang. Nach seiner Karriere als Spieler arbeitete er unter anderem als Bundestrainer und Assistenztrainer in der NHL, bevor er 2025 schließlich seinen ersten Job als NHL-Head-Coach übernahm. Boston war für ihn dabei nicht irgendeine Station: Sturm hatte bereits von 2005 bis 2010 für die Bruins gespielt.
„Es ist sehr, sehr schwierig für einen Europäer, einfach Head Coach zu werden. Ich bin jetzt schon fast 30 Jahre in Amerika. Da lernt man natürlich viele Leute kennen. Ich fühle mich fast schon nicht mehr als Europäer, weil ich schon so lange in diesem Bereich tätig bin.“
Dass es ausgerechnet Boston wurde, bezeichnet Sturm als besonderen Glücksfall:
„Ich hatte zwar andere Interviews mit anderen Mannschaften, aber ich wusste: Das ist einfach mein Verein. Für mich waren es die Vereine, bei denen ich auch gespielt habe, mit den Sharks und natürlich mit meinen Boston Bruins.“
„Das Timing war perfekt“
Der Zeitpunkt für seine Rückkehr nach Boston hätte aus seiner Sicht kaum besser passen können.
„Die Boston Bruins sind ein Traditionsverein. Sie hatten eine sehr, sehr schlechte Saison und wollten einen Wiederaufbau machen. Und da war ich zur Stelle und da hat es sie auch überzeugt. Deswegen bin ich enorm glücklich, dass ich hier bin.“
Auch das vertraute Umfeld habe den Start erleichtert. Viele Verantwortliche, die Sturm bereits aus seiner aktiven Zeit kannte, waren weiterhin im Klub tätig.
100 Punkte, Playoffs – und jetzt höhere Erwartungen
Die Bruins erreichten in Sturms erster Saison 100 Punkte und qualifizierten sich für die Stanley-Cup-Playoffs. In der ersten Runde war gegen Buffalo nach sechs Spielen Schluss.
Sturm sieht den Erfolg vor allem als Ergebnis einer geschlossenen Mannschaftsleistung:
„Die Energie, die wir gebracht haben, von Tag eins bis zum letzten Tag, war eigentlich unglaublich. Der Zusammenhalt und auch die Leidenschaft, die wir jeden Tag gebracht haben, war richtig gut.“
Jetzt gehe es darum, genau diese Eigenschaften erneut auf das Eis zu bringen:
„Wir sind vielleicht nicht die talentierteste Mannschaft in der Liga, auch nicht die beste. Aber wir sind ein Haufen, der zusammenhält und wirklich sehr strukturiert, diszipliniert und hart spielt und sehr unangenehm ist.“
Dass die Bruins nun anders wahrgenommen werden, sieht Sturm als zusätzliche Herausforderung:
„Wir waren die Überraschungsmannschaft letztes Jahr. Mittlerweile wissen sie: Wenn die Bruins in der Stadt sind, dann wird hart gespielt. Das heißt, es wird auch für uns schwieriger werden.“
Playoffs machen hungrig
Das Erreichen der Postseason hat bei Sturm und seinem Team Lust auf mehr geweckt:
„In den Playoffs gibt es immer Momente und das ist eigentlich das Schöne. Es kann sich schnell ändern. Für uns war es aber ganz gut, das alles mitzuerleben und die Erfahrung für die nächsten Jahre und auch für die jungen Spieler mitzunehmen.“
Und der eigene Anspruch ist eindeutig:
„Ich will immer den Cup gewinnen, ganz klar. Aber es ist harte Arbeit, eine harte Zeit. Aber genau das ist das Schöne. Wenn man dieses Feeling einmal miterlebt hat, dann will man mehr.“
Peterka und Reichel
Mit JJ Peterka und Lukas Reichel stehen inzwischen zwei deutsche Spieler im Bruins-Kader. Sturm betont, dass deren Verpflichtungen nicht ausschließlich mit seiner Person zusammenhängen, die Verbindung für die Spieler aber durchaus hilfreich sein könne.
„Letztendlich waren es die Bruins, die schon vor meiner Zeit immer wieder auf Lukas und speziell auf JJ geschaut haben. Dass ich jetzt natürlich hier bin, hilft natürlich, das ist ganz klar.“
Gerade für einen neu hinzugekommenen Spieler könne die gemeinsame Sprache eine zusätzliche Unterstützung sein:
„Ein neuer Spieler, so wie der JJ, der kommt hierher, alles ist neu für ihn. Und wenn man dann Deutsch reden kann, das hilft natürlich.“
JJ Peterka war bereits vor der Saison ein großes Thema rund um Boston.
Alte Schule trifft neue Generation
Sturm beschreibt seinen Führungsstil als Mischung aus den Erfahrungen seiner eigenen Spielerkarriere und den Anforderungen der heutigen NHL:
„Das Schöne ist bei mir, dass ich von meiner Zeit her die alte Schule noch mitbekommen habe. Ich glaube, so bin ich auch als Trainer. Es gibt viel Gutes noch von der alten Schule, das ich beibehalten will: harte Arbeit, Disziplin und Respekt.“
Gleichzeitig müsse man die heutige Spielergeneration anders erreichen:
„Die neue Generation tickt auch anders. Man muss einfach mehr kommunizieren. Der Kontakt zu meinen Spielern ist sehr nah. Aber trotzdem will ich immer noch das Harte beibehalten. Letztendlich versuche ich, den Mittelweg zu finden.“
„Ich bin wirklich ehrlich“
Für Sturm ist eine klare Kommunikation ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit:
„Ich bin wirklich ehrlich, auch wenn es manchmal nicht schön für einen Spieler zu hören ist. Aber letztendlich will ich ihn weiterbringen. Ich stehe hinter den Spielern. Ich will nicht nur die Spieler, sondern auch die ganze Mannschaft weiterbringen.“
Gerade angesichts des enormen NHL-Spielplans sei zudem Teamarbeit innerhalb des Trainerstabs entscheidend. In der vergangenen Saison mussten die Bruins phasenweise 15 oder 16 Spiele in einem Monat absolvieren.
Bundesverdienstkreuz neben der Olympia-Silbermedaille
Eine ganz besondere Rolle nimmt im Gespräch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ein. Sturm erhielt die Auszeichnung im Juli 2026. Seit 2004 engagiert er sich mit seiner Stiftung für krebskranke Kinder und deren Familien.
„Absolute Ehre. Ich bin natürlich riesig stolz darauf. Das Schöne ist auch, das hat nicht nur alles mit Sport zu tun. Viele Leute kennen mich als Marco Sturm, den Eishockeyspieler und den Trainer. Aber keiner wusste vielleicht, wer ich außerhalb des Sports bin.“
Für Sturm ist deshalb besonders das soziale Engagement ein wichtiger Bestandteil der Auszeichnung:
„Deswegen freut es mich umso mehr, die Auszeichnung bekommen zu haben – auch wegen der Stiftung, wegen der Marco-Sturm-Stiftung, die ich 2004 für krebskranke Kinder gegründet habe.“
Einen Platz für den Orden hat er ebenfalls gefunden – direkt neben einer anderen besonderen Erinnerung:
„Der ist genau bei mir zu Hause neben der Silbermedaille. Von daher ist das ein sehr guter Platz.“
Blick Richtung Deutschland und München
Besonders groß ist bei Sturm die Vorfreude auf die anstehenden Spiele der Bruins in München. Für den gebürtigen Landshuter wird die Rückkehr mit seinem NHL-Team nach Deutschland ein ganz besonderer Moment:
„Ich als Deutscher, in Landshut, in München, zwei Spiele mit meinen Boston Bruins – ich als Head Coach. Es ist ein absoluter Traum, weil ich mir das auch nie vorstellen konnte.“
Und auch die Spieler fragen bereits nach dem Deutschland-Aufenthalt:
„Die Trainer und Spieler fragen mich jetzt schon, was alles so in München los ist. Ich denke, wir werden hier viel Spaß haben. Es wird eine schöne Zeit, mit Sicherheit.“
Die neue Folge der „Sportstunde“ mit Marco Sturm und Oliver Dütschke ist ab sofort auf den gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.
„Sportstunde“ ist der Podcast von Oliver Dütschke mit Gesprächen über Menschen, Geschichten und Themen aus der Welt des Sports.
Original-Inhalt von Sportstunde und übermittelt von Oliver Dütschke
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