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Speerwerferin Julia Ulbricht: "Warum mache ich den Kack noch?"

Zwischen Ängsten und Medaille

S Sportstunde 6 Min. Lesezeit · 1.194 Wörter · 19 Aufrufe Deutschland
Speerwerferin Julia Ulbricht: "Warum mache ich den Kack noch?" KI-bearbeitet
Foto: Oliveer Dütschke

PRESSEMELDUNG

Von der Kader-Frustration zu EM-Silber: Julia Ulbricht erzählt in der „Sportstunde“ ihre außergewöhnliche Geschichte

Speerwerferin spricht offen über schwierige Jahre, fehlende Förderung, den Gedanken ans Aufhören, ihren sensationellen Erfolg in Birmingham und den Traum von Olympia 2028

Rodgau – Es ist eine Geschichte, wie sie nur der Sport schreiben kann: Noch vor wenigen Monaten kämpfte Julia Ulbricht um ihre sportliche Existenz, war nicht im Bundeskader, musste neben Training und Studium arbeiten und hatte nach Verletzungen und mehreren schwierigen Jahren immer wieder mit den Kadernormen zu kämpfen. Bei den Europameisterschaften in Birmingham wurde aus der lange vergeblich kämpfenden Speerwerferin dann eine Medaillengewinnerin. Mit 61,53 Metern gewann die 25-Jährige EM-Silber. 

In der neuen Ausgabe der „Sportstunde“ mit Oliver Dütschke spricht Ulbricht ausführlich über ihren außergewöhnlichen Weg. Sie erzählt, wie schwer die Jahre ohne Förderung waren, warum sie zeitweise den Spaß am Wettkampf verlor und weshalb sie sogar darüber nachdachte, den Leistungssport aufzugeben.

„Ich dachte schon: Warum mache ich den Kack hier überhaupt noch?“

Ulbricht beschreibt offen, wie sehr die Kombination aus Leistungssport, Studium, Arbeit und finanziellen Sorgen an ihr zehrte:

„Gerade wenn es so schwierige Phasen waren und alles irgendwie eins so viel wurde und die Tage sehr stressig waren, dachte ich schon: Warum mache ich den Kack hier überhaupt noch?“

Die Unterstützung ihrer Eltern und die Möglichkeit, neben dem Sport auch andere Lebensbereiche zu haben, halfen ihr dabei, weiterzumachen. Gleichzeitig erkannte sie, dass sie den Sport langfristig nur dann erfolgreich betreiben kann, wenn sie auch auf ihre eigene Gesundheit und ihre mentale Belastung achtet.

„Ich habe den Spaß an Wettkämpfen verloren“

Besonders offen spricht Ulbricht über eine Phase, in der der Leistungssport für sie kaum noch Freude brachte:

„Ich habe die letzten Jahre so ein bisschen den Spaß vor allem in den Wettkämpfen verloren. Gerade weil ich irgendwie nicht gut genug war. Ich habe dann aber auch immer Schmerzen gehabt und irgendwann einfach nur noch die Wettkämpfe gehasst.“

Der entscheidende Schritt zurück war für sie, wieder auf sich selbst zu hören. Nicht jede Trainingseinheit musste maximal sein, nicht jede Belastung musste durchgezogen werden. Sie wollte vor allem gesund und verletzungsfrei bleiben.

„Es gibt nicht diese eine Sache“

Dabei habe es für sie keinen einzelnen Schalter gegeben, den sie einfach umlegen konnte:

„Es gibt da ja nicht so diese eine Sache, die ich gemacht habe. Mir war wichtig, dass ich gesund bin und verletzungsfrei bin. Und dass ich da einfach viel in mich reinhöre und auch mal merke: Okay, das ist mir jetzt zu viel.“

Auch ihr Studium und ihre Arbeit mit Kindern erwiesen sich dabei nicht nur als zusätzliche Belastung, sondern teilweise sogar als wichtige Ablenkung vom Leistungssport.

Die Kadernorm als ständiger Kampf

Jahr für Jahr musste sich Ulbricht neu fqualifizieren. Für sie bedeutete das über mehrere Jahre einen permanenten Kampf gegen eine Zahl:

„Es ist ja auch jedes Jahr wieder auf null gesetzt. Jedes Jahr muss man wieder diese Leistung bringen. Man rennt da immer irgendwie so einer Zahl hinterher und für den Kopf ist das total nervig.“

In der „Sportstunde“ kritisiert die Speerwerferin deshalb auch das deutsche Fördersystem. Ihrer Meinung nach sollten Trainerinnen und Trainer stärker die Möglichkeit bekommen, die Entwicklung ihrer Athletinnen und Athleten einzuschätzen und bei der Kaderentscheidung mitzureden.

„Die Bundestrainer haben nicht wirklich Entscheidungsmacht“

Ulbricht sieht dabei ein grundsätzliches Problem:

„Das wäre auf jeden Fall schön und ich glaube, das wünschten sich auch die Bundestrainer. Es ist halt leider so ein bisschen ein stures System und die Bundestrainer haben dann nicht so wirklich Entscheidungsmacht.“

Ihre eigene Geschichte zeigt, wie kompliziert diese Situation sein kann: Sie verbesserte sich sportlich, war zeitweise Deutschlands Jahresbeste und verpasste den Kader trotzdem, weil eine bestimmte Norm nicht erfüllt war.

Der Wendepunkt bei den Deutschen Meisterschaften

2026 gelang ihr schließlich der Durchbruch. Bei den Deutschen Meisterschaften gewann Ulbricht den Titel und warf mit 61,58 Metern persönliche Bestleistung. Damit erfüllte sie auch die entscheidende Kadernorm.

Sie ging mit einer klaren Vorstellung in den Wettbewerb:

„Zur Deutschen Meisterschaft bin ich schon mit dem Ziel angereist, dass ich das gewinnen werde. Ich habe mir das fest vorgenommen. Ich habe gewusst, dass ich gut drauf und fit bin und dass ich das gewinnen kann.“

Der Erfolg nahm gleichzeitig einen Teil des Drucks von ihr. Die EM in Birmingham konnte sie dadurch wesentlich befreiter angehen.

„Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren“

Für die Europameisterschaften formulierte Ulbricht deshalb einen ganz anderen Ansatz:

„Ich wusste einfach, ich habe ja nichts mehr zu verlieren. Ich kann dort einfach hinfahren, kann Spaß haben und zeigen, was ich kann.“

Dieser Gedanke erwies sich als entscheidend. In Birmingham erreichte Ulbricht zunächst das Finale und warf dort im ersten Versuch 61,53 Meter – nur fünf Zentimeter unter ihrer wenige Wochen zuvor aufgestellten persönlichen Bestleistung.

Bis zum letzten Versuch nicht an eine Medaille geglaubt

Was anschließend passierte, konnte die Speerwerferin selbst kaum glauben. Sie beobachtete die Konkurrenz, rechnete aber bis zum Ende damit, noch aus den Medaillenrängen verdrängt zu werden.

„Ich habe bis zum Ende nicht gedacht, dass es reicht, einfach weil ich den anderen mehr zugetraut habe. Ich habe darauf gewartet, dass die mich jetzt alle überwerfen.“

Doch niemand übertraf ihre 61,53 Meter. Julia Ulbricht gewann sensationell Silber hinter der Kroatin Sara Kolak, die mit 62,43 Metern Europameisterin wurde.

„Ich habe einfach angefangen zu weinen“

Die Emotionen kamen erst nach ihrem letzten Versuch:

„Als man dann abgeworfen hat und gemerkt hat, okay, das war kein guter Wurf, dann war einfach diese Realisation: Ich habe angefangen zu weinen, weil ich einfach nur dachte: Mein Gott, Medaille.“

Die Silbermedaille war der vorläufige Höhepunkt einer Saison, in der sich für Ulbricht innerhalb weniger Wochen nahezu alles verändert hatte.

Der Blick geht nach vorne

Jetzt soll der nächste Schritt folgen. Durch die erfüllte Kadernorm und die EM-Medaille verbessert sich ihre sportliche Situation deutlich. Sie kann sich künftig stärker auf den Leistungssport konzentrieren und möchte sich weiter verbessern.

„Ich möchte schon auch mich Richtung 65 Meter die nächsten Jahre entwickeln und dahin werfen. 70 ist Wahnsinn.“

Auch die ersten großen internationalen Meetings sind ein Ziel. Ulbricht hofft unter anderem darauf, künftig in der Diamond League starten zu können.

Und über allem steht der große Traum:

„Für mich ist der Traum die ganze Zeit weiter existent und realistisch. Das Wichtigste ist jetzt in den nächsten Jahren, verletzungsfrei da weiter durchzukommen, sich ein bisschen weiterzuentwickeln und dann sieht das alles sehr realistisch aus, sich da zu qualifizieren.“

Gemeint ist die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.

Die neue „Sportstunde“ mit Julia Ulbricht ist damit nicht nur ein Gespräch über eine überraschende EM-Medaille. Es ist die Geschichte einer Athletin, die nach Jahren voller Rückschläge ihren Spaß am Sport wiedergefunden hat – und nun mit neuem Selbstvertrauen.

„Sportstunde“ ist der Podcast von Oliver Dütschke mit Gesprächen über Menschen, Geschichten und Themen aus der Welt des Sports. Überall, wo es Podcasts gibt.

 

 

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Niederwiesenring 15 oliver.duetschke@t-online.de

Original-Inhalt von Sportstunde und übermittelt von Oliver Dütschke

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