Doppel-Europameister Moritz Wesemann in der „Sportstunde“: „Ich wollte für mich selber springen“
Wasserspringer spricht über EM-Gold, den Druck im Wettkampf, mentale Stärke, die Kunst der Perfektion und seinen Traum von Los Angeles 2028
Rodgau, 19. August 2026 – Zwei Europameistertitel innerhalb weniger Tage, dazu erstmals mehr als 500 Punkte vom Drei-Meter-Brett: Für Moritz Wesemann hätte die Europameisterschaft in Paris kaum erfolgreicher laufen können. Der 24-Jährige gewann sowohl vom Ein-Meter- als auch vom Drei-Meter-Brett Gold und krönte sich damit zum Doppel-Europameister. Im Drei-Meter-Finale setzte er sich mit 506,80 Punkten vor dem Franzosen Jules Boyer und dem Briten Jordan Houlden durch.
Nur wenige Tage nach diesem Erfolg ist Wesemann zu Gast in der neuen Folge des Podcasts „Sportstunde“. Im Gespräch mit Oliver Dütschke geht es nicht nur um die beiden Goldmedaillen, sondern vor allem um das, was hinter diesen Erfolgen steckt: Druck, Nervosität, mentale Stärke, Selbstreflexion, Trainingsarbeit und die Suche nach der eigenen persönlichen Grenze.
„Der letzte Sprung bei der Europameisterschaft“
Wie groß der Druck bei einem entscheidenden Sprung tatsächlich ist, macht Wesemann gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich. Auf die Frage, was schlimmer sei – eine Weisheitszahnoperation oder der letzte Sprung vom Drei-Meter-Brett – muss der frischgebackene Europameister nicht lange überlegen:
„Auf jeden Fall der letzte Sprung bei der Europameisterschaft. Der Druck, den man da im Wettkampf hat und die Aufregung, die Nervosität, die ist sehr schwer im normalen Leben zu haben.“
Gerade diese mentale Belastung ist für Wesemann ein wesentlicher Teil seines Sports. Während die Zuschauer am Ende vor allem die Goldmedaille sehen, erlebt der Athlet jeden einzelnen Sprung als hochkonzentrierte Aufgabe.
Bewusst nicht auf das Scoreboard schauen
Im Finale von Paris wusste Wesemann lange Zeit gar nicht genau, auf welchem Platz er lag. Er versucht bewusst, sich während des Wettkampfs nicht zu sehr mit der Konkurrenz zu beschäftigen.
„Ich versuche mich, so gut es geht, dem Wettkampf rauszunehmen. Das heißt, ich gucke nicht aufs Scoreboard, ich gucke nicht, wie die anderen springen.“
Ganz ausschalten lässt sich die Konkurrenz natürlich nicht. Spätestens wenn die anderen Athleten auf dem Brett stehen, bekommt auch Wesemann mit, was passiert. Als einer der englischen Konkurrenten seinen letzten Sprung nicht optimal erwischt, steigt deshalb auch bei ihm die Nervosität noch einmal:
„Wenn man dann hört, dass natürlich in der letzten Runde der Engländer verpatzt, dann geht schon nochmal die Pumpe ein bisschen höher und ein bisschen die Nervosität.“
Die eigene Leistung steht über der Medaille
Eine der interessantesten Aussagen des Gesprächs betrifft Wesemanns Einstellung zu Erfolg. Für ihn ist die Platzierung nicht das Einzige, was zählt. Viel wichtiger ist, ob er seine persönliche Leistung abrufen konnte.
„Ich wollte für mich selber hauptsächlich springen und eigentlich eine gute Punktzahl machen. Mir ist es tatsächlich oft wichtiger, dass ich meine Performance verbessere und das, was ich mir vorher vornehme, auch einigermaßen umsetze.“
Deshalb hätte Wesemann auch mit einer anderen Platzierung sehr zufrieden sein können – wenn die Leistung stimmt:
„Da ist mir die persönliche Leistung schon wichtiger, zu gucken, wie weit kann ich mich selber bringen, wie weit kann ich zu meiner persönlichen Grenze kommen.“
Gerade diese Perspektive unterscheidet die Innenwahrnehmung eines Spitzensportlers häufig von der öffentlichen Bewertung. Für Außenstehende zählt die Medaille, für den Athleten selbst können persönliche Bestleistung, Umsetzung der Vorbereitung und Fortschritte im Training mindestens genauso wichtig sein.
500 Punkte als persönliche Marke
In Paris erreichte Wesemann vom Drei-Meter-Brett erstmals international mehr als 500 Punkte. Die Marke hatte für ihn eine besondere Bedeutung – auch weil sie aus seiner Sicht eine Orientierung in Richtung Weltspitze darstellt. Offiziell kam er im Finale auf 506,80 Punkte.
„Zum Beispiel, dass ich jetzt endlich mal international 500 Punkte springen wollte.“
Und diese Zahl ist für ihn mehr als nur ein statistischer Wert:
„Eine 500er-Punktzahl geht schon Richtung Medaille.“
Der Blick geht dabei bereits weiter. Wesemann kann sich vorstellen, künftig noch höhere Punktzahlen zu erreichen:
„Ich könnte mir schon vorstellen, dass jetzt so eine 520 vielleicht interessant sein könnte, was auch bei einer jetzt drin gewesen wäre. Vielleicht sogar noch Richtung 530.“
Vom Druck zur Leichtigkeit
Ein wichtiger Faktor für seine beiden EM-Titel war auch eine veränderte Einstellung zum Wettkampf. Nach einem ersten erfolgreichen Wettkampftag konnte Wesemann mit mehr Selbstvertrauen in die weiteren Entscheidungen gehen.
„Das hat mir auf jeden Fall geholfen, hat mir Mut gegeben. Hauptsächlich aber, dass ich wusste, wenn Druck da ist, darunter kann ich performen.“
Dabei habe ihm geholfen, sich nicht auf mögliche Fehler zu konzentrieren:
„Sobald man das macht, weiß man, wenn man sich auf einen Fehler fokussiert, dann passiert der auch. Anstatt wenn man sich auf was Gutes fokussiert, dann passiert das Gute.“
Für Wesemann bedeutet mentale Stärke deshalb nicht, den Druck vollständig auszuschalten. Es geht vielmehr darum, ihn anzunehmen und sich auf die eigenen Grundlagen zu konzentrieren.
Warum ein Camembert vor dem Wettkampf helfen kann
Auch Humor gehört für Wesemann zur Wettkampfvorbereitung. Vor der Europameisterschaft in Paris sorgte er mit einem augenzwinkernden Social-Media-Video für Aufmerksamkeit: französische Klischees, Croissant, Camembert und Baskenmütze inklusive.
Die Aktion war keineswegs nur Unterhaltung:
„Auch von dem Druck ein bisschen abzulenken, hatte ich einfach die Idee, quasi so einen kleinen Sketch im Zug zu machen.“
Die Vorbereitung auf das Video habe ihm sogar besonders viel Spaß gemacht:
„Ich glaube, es ist auch wichtig, dass man außerhalb von dem Wettkampf sich so ein paar Sachen sucht, wo man einfach sich ablenken kann, wo man ein bisschen den Kopf frei bekommt und einfach mal ein bisschen was mit Humor nimmt und nicht immer alles ernst hat.“
Für Wesemann ist Spaß damit kein Widerspruch zu Leistung. Im Gegenteil: Die richtige Balance könne dabei helfen, Energie für den entscheidenden Moment zu sammeln.
„Man muss eine gute Balance finden“
Dabei plädiert der Wasserspringer nicht für eine reine „Alles-ist-super“-Mentalität. Seine zwei Jahre in den USA haben ihm gezeigt, wie unterschiedlich Sportkulturen mit Erfolg umgehen können.
„Inzwischen, was ist wirklich einfach Freuen, dadurch Energie zu schöpfen, weiter zu kämpfen? Und was ist einfach nur Freuen, quasi alles wegzudrängen und nicht realistisch drauf zu gucken, was kann man besser machen?“
Seine Schlussfolgerung:
„Eine gute Balance zu finden, ich glaube, ist das Entscheidende.“
Was Wesemann aus den USA mitgenommen hat
Zwei Jahre studierte und trainierte Wesemann in den USA. Besonders die hohe Zahl an Wettkämpfen habe ihn sportlich weitergebracht.
„Verbessert hat mich vor allem die Menge an Wettkämpfen, die ich gesprungen bin.“
Durch die regelmäßigen Wettkämpfe habe er gelernt, schneller auf unterschiedliche Bedingungen zu reagieren und Routinen zu entwickeln.
„Einfach so viele Wettkämpfe zu haben, obwohl ich schon relativ wettkampferfahren war, glaube ich, hilft mir noch besser mit der Situation umzugehen und zu gucken, okay, was für Routinen funktionieren.“
Diese Fähigkeit zur Anpassung wurde ihm in Paris erneut zugutekommen. Kurz vor dem Wettkampf musste das eigentlich eingeübte Drei-Meter-Brett gewechselt werden.
Ein anderes Brett kann einen Wettkampf verändern
Was für Zuschauer kaum sichtbar ist, kann für Wasserspringer einen entscheidenden Unterschied machen: Nicht jedes Brett fühlt sich gleich an.
„Jedes Brett ist ein bisschen anders.“
Bretter unterscheiden sich in ihrer Härte, ihrem Schwingungsverhalten und teilweise sogar in der Neigung. Hinzu kommt der unterschiedliche Belag der Türme.
„Es ist einfach so ein präziser Sport, vor allem im Anlauf, dass man sich quasi ans Brett wirklich gewöhnen muss.“
Dass Wesemann trotzdem in Paris kurzfristig auf ein anderes Brett wechseln konnte, ist auch ein Ergebnis seiner internationalen Erfahrung.
„Die Chinesen sind extrem präzise“
Im Gespräch geht es selbstverständlich auch um die internationale Konkurrenz. Besonders beeindruckt Wesemann die Konstanz der chinesischen Springer.
„Die sind extrem präzise.“
Dabei gehe es nicht unbedingt darum, dass jeder chinesische Springer grundsätzlich andere Dinge könne als die Weltspitze. Der entscheidende Unterschied sei die Konstanz:
„Was die Chinesen, glaube ich, so ausmacht, ist, dass sie diese Exzellenz sehr, sehr konstant durchsetzen in jedem Wettkampf, dass einfach keine großen Fehler passieren.“
Wesemann vermutet dahinter unter anderem die große Konkurrenz innerhalb Chinas und die intensive Betreuung:
„Ein Chinese hat einen Sprung gemacht und sechs Trainer sind auf ihn zu und haben einen kompletten Sprung auseinander genommen.“
Gleichzeitig betont er, dass er damit nur Vermutungen beschreibt und nicht genau wisse, wie das chinesische System im Detail funktioniert.
Ein ungewöhnlicher Weg zum Wasserspringen
Dass Wesemann heute Doppel-Europameister ist, war keineswegs vorprogrammiert. Er kam vergleichsweise spät zu seinem Sport.
Ursprünglich wollte ein Sportlehrer ihn sogar zum Turnen bringen:
„Ich war immer sehr energiegeladen, bin durch die Turnhalle gelaufen, hab Saltos gemacht, hab Rollen gemacht und weiß ich nicht was alles.“
Über Umwege führte sein Weg schließlich zum Wasserspringen. Sein damaliger Trainer Alexander Neufeld erkannte Potenzial – trotz eines vermeintlichen Handicaps:
„Beweglichkeit ist katastrophal, aber du bist irgendwie pfiffig genug. Ich glaube, das könnte was werden.“
Wesemann begann erst mit etwa neun oder zehn Jahren und wechselte anschließend schnell in einen sehr umfangreichen Trainingsalltag:
„Ich bin dann relativ schnell von null auf hundert eigentlich zu fünf-, sechsmal die Woche Training gekommen.“
„Es macht mir extrem viel Spaß“
Was hält einen Athleten über Jahre auf diesem hohen Niveau? Für Wesemann ist die Antwort erstaunlich einfach: die Freude am Sport und der Wunsch, sich ständig weiterzuentwickeln.
„Es macht mir extrem viel Spaß. Das ist auch, warum ich immer noch den Sport mache.“
Besonders fasziniert ihn die Kombination aus Geschwindigkeit, Schwerelosigkeit, Adrenalin und Perfektion:
„Es ist einfach die Dynamik, die man in der Luft hat, diese Schwerelosigkeit, dieser Adrenalinschub, diese Perfektion, nach der man strebt.“
Entscheidend ist für ihn aber auch das Gefühl, noch nicht am eigenen Limit angekommen zu sein.
„Ich glaube, das hält mich auch jetzt sehr stark an der Sportart, dass ich sehe, dass ich konsequent weiter Fortschritt mache und weiß, dass ich an Sachen arbeiten kann und von meinem Gefühl her mein Potenzial noch nicht voll ausgereizt habe.“
Los Angeles 2028: Der Olympia-Traum lebt
Nach dem Olympia-Finale in Paris ist das nächste große Ziel bereits klar: Los Angeles 2028.
„Ja, auf jeden Fall. 100 Prozent.“
Besonders die 500-Punkte-Marke gibt Wesemann dabei Selbstvertrauen:
„Wenn es in dem Fortschritt weitergeht, beziehungsweise auch das erhalte, eine 500er-Punktzahl geht schon Richtung Medaille.“
Sein Ziel ist dabei nicht ausschließlich eine bestimmte Platzierung. Vielmehr möchte er bei seinen nächsten Olympischen Spielen das zeigen, was er tatsächlich trainiert hat:
„Einfach in einem Olympischen Finale zu stehen und zu wissen, okay, ich habe gezeigt, was ich trainiert habe, ich habe gezeigt, wofür ich hier bin – das ist das, wohin ich eigentlich strebe.“
Die Herausforderung in Los Angeles könnte dabei noch einmal deutlich größer werden: Vorkampf, Halbfinale und Finale sollen am selben Tag stattfinden. Für die Wasserspringer bedeutet das eine enorme körperliche und mentale Belastung.
Zwischen Goldmedaillen und persönlicher Entwicklung
Die neue Folge der „Sportstunde“ zeigt Moritz Wesemann damit nicht nur als erfolgreichen Doppel-Europameister. Sie zeigt einen Athleten, der sich intensiv mit seiner eigenen Leistung auseinandersetzt, seine Erfolge reflektiert und gleichzeitig bewusst versucht, sich den Spaß an seinem Sport zu erhalten.
Seine Geschichte steht beispielhaft für eine Seite des Spitzensports, die häufig hinter Medaillen und Ergebnislisten verschwindet: Wie geht ein Athlet mit Druck um? Wie wichtig ist die eigene Leistung im Vergleich zum Ergebnis? Und wie schafft man es, über Jahre motiviert zu bleiben?
Die Antworten darauf gibt Moritz Wesemann in der neuen Folge der „Sportstunde“.
🎧 Die komplette Folge mit dem Doppel-Europameister Moritz Wesemann ist ab sofort in der „Sportstunde“ zu hören und überall abrufbar, wo es Podcasts gibt.
Über die Sportstunde
Die Sportstunde zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Sportpodcasts und erscheint mehrmals pro Woche. Moderator Olli Dütschke spricht mit Olympiasiegern, Weltmeistern, Trainerinnen, Funktionären und Persönlichkeiten aus der gesamten Welt des Sports – persönlich, hintergründig und nahbar. Ziel ist es, die Geschichten hinter den Erfolgen sichtbar zu machen und Sport aus einer neuen Perspektive zu erzählen.
Mit Quellennennung ist natürlich das Nutzen von Zitaten erlaubt und erwünscht
Original-Inhalt von Sportstunde und übermittelt von Oliver Dütschke