Europameister Frederik Ruppert in der „Sportstunde“: „Ich habe bewiesen, dass ich es kann – und jetzt erst recht“
Frederik Ruppert über EM-Gold, den Druck vor dem Finale, seinen Europarekord und die nächsten großen Ziele
Frederik Ruppert hat in diesem Sommer deutsche Leichtathletikgeschichte geschrieben: Der 29-jährige Hindernisläufer krönte seine herausragende Saison mit dem Europameistertitel über 3.000 Meter Hindernis in Birmingham. In 8:25,33 Minuten setzte sich Ruppert im Finale durch und gewann damit den ersten großen internationalen Titel seiner Karriere. Bereits im Mai hatte er als erster Europäer überhaupt die Acht-Minuten-Marke über diese Strecke unterboten und mit 7:57,80 Minuten Europarekord gelaufen.
In der aktuellen Folge des Sportpodcasts „Sportstunde“ spricht Ruppert mit Moderator Oliver Dütschke ausführlich über diese außergewöhnliche Saison, den immensen Druck vor dem EM-Finale, seine Entwicklung zum Favoriten und seine nächsten Ziele. Dabei wird deutlich: Der Europameistertitel bedeutet dem Tübinger sogar noch etwas mehr als der Europarekord.
„Für mich ist der Titel besonderer, weil das auf einem ganz anderen Szenario gebaut ist. Ich hatte einen riesigen Druck und habe das extrem gespürt. Diesen Druck standzuhalten, ist eigentlich das, worauf ich am meisten stolz bin. Ich habe mich noch nie so hundeelend vor einem Lauf gefühlt wie vor dem Finale bei den Europameisterschaften, weil ich gemerkt habe: Heute musst du performen.“
Vom Außenseiter zum Favoriten
Ruppert musste in den vergangenen Jahren lernen, mit einer neuen Rolle umzugehen. Nach dem deutschen Rekord 2025 und spätestens nach seinem Europarekord war er nicht mehr nur ein ambitionierter Teilnehmer, sondern einer der großen Favoriten. Bei der Europameisterschaft ging er damit offensiv um und formulierte öffentlich das Ziel, Gold gewinnen zu wollen.
„Ich bin sehr offen und transparent damit umgegangen, dass ich Gold gewinnen möchte. Das war eigentlich nicht meine Art. Ich bin normalerweise eher jemand, der defensive Ansagen macht und dann auf der Strecke glänzt. Dieses Jahr war ich aber sehr zielstrebig. Und wenn du dann an der Startlinie stehst, denkst du natürlich: Was hast du da die ganze Zeit gesagt? Ich konnte eigentlich nur gewinnen oder verlieren. Alles andere wäre für mich ein Verlust gewesen.“
Dass selbstbewusste Ansagen auch ein Risiko darstellen, weiß Ruppert genau. Wer vor einem Wettkampf den Sieg ankündigt, muss sich anschließend auch daran messen lassen.
„Man muss sich bewusst sein, dass man immer daran gemessen wird, was man sagt. Wenn du sagst, ich möchte gewinnen, und wirst dann Fünfter, kann es schon sein, dass du dafür zerrissen wirst. Zwischen etwas im Kopf zu haben und es tatsächlich auszusprechen, sind noch einmal zwei verschiedene Dinge. Für mich war das in diesem Jahr etwas Neues – und Gott sei Dank hat es funktioniert.“
Im Rennen selbst blieb der Europameister trotz der besonderen Atmosphäre erstaunlich klar. Erst mit zunehmender Renndauer kam der bekannte Tunnelblick.
„An der Startlinie bin ich meistens noch vollkommen klar. Du bekommst mit, wie voll das Stadion ist und wie die Stimmung ist. Das saugt man schon alles auf. Das kann natürlich pushen, für den einen oder anderen vielleicht auch erdrückend sein. Für mich war es aber eher beflügelnd. Wenn es ein guter Lauf ist, komme ich irgendwann in einen Rausch. Dann werde ich von Runde zu Runde immer mehr taub und schaue eigentlich nur noch geradeaus.“
Taktik, Kontrolle und der Moment des Triumphs
Ruppert hatte sich für das Finale einen klaren Plan zurechtgelegt. Er wollte von Beginn an in der Spitzengruppe bleiben und kontrollierte während des Rennens immer wieder die Positionen seiner wichtigsten Konkurrenten.
„Ich hatte natürlich einen Plan zurechtgelegt. Ich war die ganze Zeit vorne und mit dem Spanier an der Spitze. Ich war derjenige, der das Rennen gestaltet hat. Ich habe sehr oft auf die Videowand geschaut und kontrolliert, wie sich die anderen positionieren. Wenn ich gesehen habe, wo die potenziellen Medaillenkandidaten sind, konnte ich reagieren und eine Tempoverschärfung vielleicht 100 Meter früher oder später setzen.“
Eine besondere Motivation war für Ruppert dabei auch seine private Situation. Im Januar wird er Vater. Die bevorstehende Geburt seines ersten Kindes gab ihm zusätzliche Energie.
„Ich wusste das eigentlich schon vor jedem Wettkampf in diesem Jahr. Du läufst dann irgendwie nicht mehr nur für dich. Das hat mich sehr motiviert. Ich kann mir vorstellen, dass solche Gedanken oder auch die Kulisse für den einen oder anderen erdrückend sein können. Für mich war es eher beflügelnd.“
Nach dem Zieleinlauf fiel die gesamte Anspannung von ihm ab. Familie und Freunde waren vor Ort und wurden zu den ersten Menschen, mit denen Ruppert diesen besonderen Moment teilen wollte.
„Es gibt eigentlich kein Wort, das dieses Gefühl wirklich beschreiben kann. Der ganze Druck, die Anspannung und das Adrenalin wandeln sich innerhalb eines Moments in extreme Freude und Ekstase. Du läufst durchs Ziel und weißt: Es hat funktioniert. Ich hatte extrem viele Freunde, Bekannte und Familie da und habe sie direkt gesucht. Das sind die Menschen, die das ganze Jahr mitbekommen, was hinter so einem Erfolg steckt. Das war einfach unbeschreiblich.“
„Consistency“ als Erfolgsrezept
Im Gespräch mit Oliver Dütschke erklärt Ruppert auch, warum die deutschen Mittel- und Langstreckler derzeit international immer stärker auftreten. Für ihn liegt der Schlüssel weniger in einem spektakulären Geheimrezept als vielmehr in konsequenter und langfristiger Trainingsarbeit.
„Man kann schon sagen, dass die Top-Leute in Deutschland mittlerweile sehr ähnlich trainieren. Mit relativ niedriger Belastungsintensität, Belastungen, die man gut wegstecken kann, aber trotzdem das Herz-Kreislauf-System fordern. Dazu kommen hohe Umfänge und möglichst wenige Trainingsausfälle. Ich glaube, das ist der Schlüssel.“
Auf die Frage nach einem Wort, das ihn selbst als Athleten am besten beschreibt, nennt Ruppert „Consistency“ – Konstanz. Genau darin sieht er eine seiner größten Stärken.
„Ich glaube, Konstanz zeichnet mich aus. Und ich glaube, das ist auch der Punkt, der maßgeblich dafür sorgt, dass man im Langstreckenbereich erfolgreich ist. Es geht nicht darum, ständig irgendwelche extremen Einheiten zu machen, sondern darum, über lange Zeit gesund und konstant zu trainieren.“
„Ich habe bewiesen, dass ich es kann – und jetzt erst recht“
Mit dem EM-Titel ist Ruppert jedoch längst nicht satt. Im Gegenteil: Der Erfolg hat seinen Ehrgeiz für die nächsten internationalen Aufgaben noch einmal verstärkt. Sein Blick richtet sich bereits auf die ganz großen Meisterschaften.
„Ich würde sagen, es ist beides in Kombination: Ich habe bewiesen, dass ich es kann – und jetzt erst recht. Man hat es jetzt gesehen, aber jetzt weiß ich es auch für mich selbst. Ich habe es mir selbst gezeigt und möchte das jetzt auf der ganz großen Bühne auch. Mein Ziel ist auf jeden Fall, eine große internationale Medaille zu holen. Welche das ist, muss nicht Gold sein, aber ich möchte auf jeden Fall eine holen.“
Auch die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles sind dabei längst Teil seiner langfristigen Planung. Bereits in diesem Jahr absolvierte Ruppert in Los Angeles einen 10.000-Meter-Lauf, nachdem er zuvor ein Höhentrainingslager in Flagstaff absolviert hatte. Für ihn ging es dabei auch darum, die Umgebung und Bedingungen für die Zukunft kennenzulernen.
Und auch sportlich möchte Ruppert sein Portfolio erweitern. Für 2027 denkt er unter anderem über Starts auf anderen Strecken und einen Halbmarathon nach.
„Ich möchte mich noch einmal auf anderen Strecken beweisen. Dieses Jahr habe ich schon gezeigt, dass ich auf den langen Flachstrecken gut mithalten kann. Dieses Portfolio wollen wir vielleicht noch ein bisschen erweitern. Einen Halbmarathon möchte ich definitiv machen, wahrscheinlich schon nächstes Jahr.“
Die vollständige Geschichte hinter dem EM-Gold, den Umgang mit Druck und Favoritenrolle, die Trainingsphilosophie, das Doppelschwellentraining, Ernährung und Krafttraining sowie Rupperts Blick auf die Weltmeisterschaften und die Olympischen Spiele gibt es in der aktuellen Folge von „Sportstunde“ mit Oliver Dütschke und Frederik Ruppert, überall da, wo es Podcasts gibt.
Gerne Zitate benutzen, das ist sogar gewünscht...Aber bitte mit Quellennennung...
Original-Inhalt von Sportstunde und übermittelt von Oliver Dütschke