Deutsche Forschungsgemeinschaft untersucht erstmals Einsatz von tierversuchsfreien Methoden - Kritik
Die Interpretation einiger Ergebnisse seitens der DFG sieht Ärzte gegen Tierversuche e.V. kritisch.
Weitreichende Aussagen zu Tierversuchen bleiben unbelegt
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat erstmals untersucht, welche Bedeutung sogenannte New Approach Methodologies (NAMs) in von ihr geförderten Forschungsprojekten haben (1). Ärzte gegen Tierversuche (ÄgT) begrüßt, dass moderne tierversuchsfreie Methoden wie Organoide und Organ-on-Chip-Systeme in Förderanträgen zunehmend vorkommen. Die Interpretation der Ergebnisse seitens der DFG sieht der Verein jedoch kritisch. Während die Daten die Verbreitung bestimmter NAMs und ihr gemeinsames Auftreten mit beantragten Kosten für Tierversuche erfassen, schlussfolgert die DFG "Komplementarität" - also eine sich sinnvoll ergänzende Verwendung beider Ansätze. Auch behauptet die DFG, NAMs könnten Tierversuche nicht vollständig ersetzen. Beide Aussagen werden durch die vorgelegte Analyse nicht belegt. Denn untersucht wurde weder, ob NAMs Tierversuche tatsächlich ersetzen können, noch welchen konkreten Beitrag die jeweiligen Methoden zur Beantwortung einer Forschungsfrage leisten.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist Deutschlands wichtigste Forschungsförderorganisation. Nun wertete sie von ihr bewilligte Förderanträge aus den Jahren 2017 bis 2025 mittels automatisierter Volltextsuche aus. Eine NAM-Nutzung wird angenommen, wenn ein Antrag mindestens vier Sätze mit entsprechenden Suchbegriffen enthält. Erfasst wurden Organoide, weitere 3D-Gewebemodelle, Organ-on-a-Chip-Technologien und Bioprinting. Eine individuelle Prüfung jedes Antrags, ob die entsprechenden Methoden Bestandteil des Arbeitsprogramms waren, erfolgte nicht. So können grundsätzlich auch Erwähnungen etwa aus Vorarbeiten oder dem wissenschaftlichen Hintergrund in die Trefferzahl eingehen.
Positiv bewertet ÄgT den deutliche Anstieg der mit der Methode identifizierten NAM-Projekte: Bei den Einzelprojekten, den sogenannten Sachbeihilfen, nahm die Zahl der Projekte mit NAMs von 35 im Jahr 2017 auf 95 im Jahr 2025 zu. Ein genauerer Blick auf die lebenswissenschaftlichen Einzelprojekte zeigt jedoch weiterhin erheblichen Nachholbedarf. Lässt man diejenigen Anträge außer Betracht, in denen weder Kosten für Tierversuche noch eine der untersuchten NAM-Kategorien erfasst wurden, verbleiben für 2025 insgesamt 345 Projekte. In lediglich 86 davon - 24,9 % - identifizierte die DFG NAMs. Bei 259 Projekten, entsprechend 75,1 %, wurden dagegen Kosten für Tierversuche beantragt, ohne dass eine der untersuchten NAM-Kategorien die von der DFG festgelegte Schwelle für eine angenommene NAM-Nutzung erreichte (1).
"Es ist erfreulich, dass moderne tierversuchsfreie Methoden häufiger in Forschungsanträgen auftauchen. Gleichzeitig ist es ernüchternd, dass rund drei Viertel der Einzelprojekte Tierversuche einsetzt und die von der DFG untersuchten NAM-Kategorien in den Anträgen noch nicht einmal in vier Sätzen erwähnt werden", sagt Dr. Johanna Walter, wissenschaftliche Referentin bei ÄgT.
Besonders weit geht die Interpretation der DFG bei den Sonderforschungsbereichen (SFB). 2025 wurden in 20 von 23 lebenswissenschaftlichen SFBs NAMs identifiziert; in 19 wurden zugleich Kosten für Tierversuche beantragt. Die DFG präsentiert dies als Beleg dafür, dass NAMs und Tierversuche "häufig komplementär eingesetzt" würden (1,2). Ein SFB besteht jedoch aus zahlreichen Teilprojekten. Werden beispielsweise in einem Teilprojekt Organoide eingesetzt, während andere Teilprojekte unabhängig davon Tierversuche durchführen, erscheint der gesamte Verbund dennoch als Kombination aus NAMs und Tierkosten. Das gemeinsame Auftreten auf SFB-Ebene zeigt daher nicht, dass beide Ansätze tatsächlich dieselbe Forschungsfrage bearbeiten oder einander wissenschaftlich ergänzen.
"Koexistenz ist nicht gleich Komplementarität. Für eine solche Aussage müsste untersucht werden, ob NAM und Tierversuch tatsächlich dieselbe Forschungsfrage bearbeiten und welchen Erkenntnisbeitrag beide jeweils leisten," erläutert Walter.
Noch weiter geht die DFG, wenn sie ihre Auswertung mit der Aussage verbindet, NAMs könnten Tierversuche "nicht vollständig ersetzen" und Tierversuche ermöglichten Erkenntnisse, "die nicht mit anderen Methoden erzielt werden können" (1). Diese Fragen waren schlicht nicht Gegenstand der Untersuchung. Die Analyse prüft weder, ob für einzelne Tierversuche geeignete humanbasierte Methoden vorhanden gewesen wären, noch ob Experimente am Tier durch NAMs ersetzt wurden. Ebenso wenig wurden die Ergebnisse der jeweiligen Methoden oder ihr tatsächlicher Erkenntnisgewinn miteinander verglichen.
Während die DFG ihre Analyse mit Aussagen zur Komplementarität und Nicht-Ersetzbarkeit von Tierversuchen verbindet, verschiebt sich der Fokus international zunehmend hin zu einer kritischen Prüfung von Tierversuchen und einer gezielten Förderung humanbasierter Methoden. Das zur US-amerikanischen Gesundheitsbehörde gehörende National Institutes of Health (NIH), eine der weltweit größten öffentlichen Forschungsförderorganisationen, kündigte 2025 an, humanbasierte Forschungstechnologien zu priorisieren und die Nutzung von Tieren in der von ihr geförderten Forschung zu reduzieren (3).
"Noch konkreter wird das National Cancer Institute (NCI), eines der Institute der NIH. Bei der zentralen US-Einrichtung für Krebsforschung NCI muss künftig begründet werden, warum ein Tierversuch überhaupt erforderlich ist und warum NAMs nicht ausreichen. Gleichzeitig muss von Anfang an erläutert werden, wie Ergebnisse aus Tierversuchen in einem humanen Modell überprüft werden können (4)", so Walter. "Das ist ein deutlich anderer Umgang mit der Frage der Methodenwahl."
Während international also neue Anforderungen an Tierversuche und zusätzliche Anreize für humanbasierte Forschung entstehen, wird in Deutschland über ein eigenständiges Tierversuchsgesetz und eine Vereinfachung von Genehmigungsverfahren diskutiert (5). Auch die DFG selbst setzt sich dafür ein und begründet dies in einer im Lobbyregister des Deutschen Bundestages hinterlegten Stellungnahme unter anderem mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsstandortes Deutschland (6).
"Die Anwendung des zwar etablierten, aber höchst fehleranfälligen Systems Tierversuch zu erleichtern, schafft keine wissenschaftliche Innovation", kritisiert Walter. "Wenn Deutschland international wettbewerbsfähig bleiben will, sollte der Schwerpunkt gerade darauf liegen, moderne, an der menschlichen Biologie orientierte Methoden schneller zu entwickeln, konsequent zu fördern und in der Forschung tatsächlich anzuwenden."
Die neue DFG-Analyse zeigt, dass NAMs an Bedeutung gewinnen. Statt das gemeinsame Auftreten von NAMs und Kosten für Tierversuche als Beleg für Komplementarität zu werten und die Analyse zugleich mit Aussagen zur Nicht-Ersetzbarkeit von Tierversuchen zu verbinden, sollte die DFG einen Schritt weitergehen: Eine retrospektive Auswertung abgeschlossener Forschungsprojekte könnte untersuchen, welche Erkenntnisse NAMs und Tierversuche jeweils lieferten, ob sie tatsächlich komplementär eingesetzt wurden und in welchem Umfang NAMs statt Tierexperimenten eingesetzt wurden oder diese reduzieren konnten. Erst eine solche Analyse könnte wissenschaftlich belastbare Aussagen über den jeweiligen Erkenntnisbeitrag der Methoden ermöglichen.
Quellen:
Links zu den unten genannten Quellen: https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/news/deutsche-forschungsgemeinschaft-untersucht-erstmals-einsatz-von-tierversuchsfreien-methoden
(1) Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG): Mit vielfältigen Methoden zur wissenschaftlichen Erkenntnis - New Approach Methods (NAMs) und Tierversuche in der biologischen und medizinischen Forschung. DFG Data Story vom 10.09.2026
(2) Deutsche Forschungsgemeinschaf (DFG): Neue Data Story zur DFG-Förderung: Studie zur Nutzung von New Approach Methods in den Lebenswissenschaften veröffentlicht, Pressemitteilung vom 10.09.2026
(3) National Institutes of Health (NIH): NIH to prioritize human-based research technologies, Pressemitteilung vom 29.04.2025
(4) NIH National Cancer Institute (NCI): Guidance on Applications for Studies with Animal Models, Leitlinie vom 04.08.2026
(5) Ärzte gegen Tierversuche: Geplantes Tierversuchsgesetz bedroht Tierschutz, gemeinsame Pressemitteilung vom 08.06.2026
(6) Allianz der Wissenschaftsorganisationen: Eigenständiges Gesetz für wissenschaftliche Tierversuche, von der DFG im Lobbyregister des Deutschen Bundestages am 21.07.2026 hinterlegte Stellungnahme
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"Medizinischer Fortschritt ist wichtig - Tierversuche sind der falsche Weg!" - Unter diesem Motto setzt sich Ärzte gegen Tierversuche e.V. seit 1979 für eine tierversuchsfreie Forschung ein, die auf dem Einsatz von modernen Methoden z.B. mit menschlichen Zellkulturen und Organchips sowie der Ursachenforschung und Vorbeugung von Krankheiten basiert. Ziel ist die Abschaffung aller Tierversuche und damit eine ethisch vertretbare, am Menschen orientierte Medizin - eine Wissenschaft, die durch moderne, tierversuchsfreie Testmethoden zu relevanten Ergebnissen gelangt.
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