Platonakademie(159) zur Privatsphäre: Der widersprüchliche Begriff „eheliche Treue“ und andere religiöse Antinomien / Synode zum Ehesakrament sinnvoll?

Platon-Akademie, 17. Oktober 2013

Freiheit der Partnerwahl in der Geschlechterliebe ist das Infant terrible der Religion. Zwar wertet der Mensch seine Geschlechterliebe als freudigstes und größtes Lebensereignis und lässt lieber von der Religion ab als von ihr, schuldet jedoch eigentlich lt. NT die größte Freude dem Heiligen Geist.

Merkwürdig aber logisch wäre der Schluss: Die Sexualität ist eben der Heilige Geist. Um Fehlschlüsse zu vermeiden, muss man erst den Zusammenhang betrachten. Solange man die Komplexität des Lebendigen nicht kannte, blieb die Natur des Menschen, sein Naturerbe, nebulös (PM(158)). In PM(18) wurde dann ein Sachverhalt mitgeteilt, von dem die Ethik noch keine Notiz genommen hatte: Vor 100 Millionen Jahren haben bereits staatenbildende Insekten das Sexualleben in Massengesellschaften als unzweckmäßig „empfunden“ und ausgemustert. Die übervermehrte Menschheit zeigt uns einen Parallelfall. Platon fand, dass der Eros und allgemein sogar das ganze Privatleben die Masse stört. Ebenso sah es jener sagenhafte Denker Mose in der Bronzezeit (PM(158)).

Die von den Insekten entdeckte, sachlich begründete Antisexualität fiel also dem Monotheismus auf, der sie auf die übervermehrte Menschheit anwandte: Er forderte eine Verbindung ausschließlich unter zwei Personen und schaffte wie die Insekten jede Promiskuität ab. Wir wissen indes heute, dass der Mensch von Natur ein Kleingruppenwesen ist, für das die Sexualität im Mittelpunkt des Soziallebens steht. Den Mensch charakterisiert wie fast alle Säuger eine Neigung zur Partnerfreiheit. Sie ist offenbar angeboren. Ein Grund für sie neben den Emotionen ist die Gesunderhaltung der Gene, und das ist die Gesunderhaltung des Lebens. Der Christ bedauert nun, und das gibt zu denken, Kranke und praktiziert in hohem Maße Wohltätigkeit. Aber die Gesunderhaltung der Gene durch Partnervielfalt verdammt er in Grund und Boden. Das Gotteswort müsste eigentlich anders lauten.

Nachdem wir um die Komplexität des Lebens Bescheid wissen, wissen wir, dass es weitaus zu kompliziert wäre, die angeborenen emotionalen Werte und Motive des Menschen im Kosmma-Prozess (PM(68)) schadensfrei durch erdachte kulturelle Normen zu ersetzen. Es kommt im harmlosesten Fall zu Neurosen. Daher ist es unstreitig: Der Mensch ist das geblieben, was er Jahrmillionen lang war, und seine Enkulturation, hinter der normgebend die Religion steht, macht ihm Probleme.

Freilich verbleiben, wie in PM(158) erwähnt, viele massengesellschaftliche Werte ohne nennenswerte Störungen. Es handelt sich oftmals um wünschenswerte Ergänzungen des Ererbten. Aber zu den besonderen kulturellen Werten, die die menschliche Natur mit der größten Intention abweist ,weil sie nur mit Psychoterror aufgezwungen werden können, gehören die Werte der Sexualmoral.

Die monotheistische Religion hat das von Natur her freudevolle Geschlechtsleben mit Rücksicht auf die Bevölkerungsdichte durch die Anordnung der Einehe, besser gesagt Zweierehe, eingeengt, und im sechsten Gebot finden wir den Begriff des sündhaften Ehebruchs. Eine für alle Menschen verbindliche Definition, wie schwer diese Sünde wiegt, gelang keiner Religion. Der Spielraum reicht je nach Epoche und Kulturform von null Sünde bis Todsünde. Im NT lesen wir Sätze wie: „Denn das ist, was Gott will, dass ihr euch der Hurerei enthaltet“ (1. Thessalonicher 4:3). „Gott wird Hurer . . . richten“ (Hebräer 13:4). Vor einer solchen Weltmacht fielen die früheren Menschen auf die Knie. Vor Jahrzehnten redeten noch besonders religiöse Volksschichten sogar dann von Sünde, wenn die „voluptas“ (lat., daraus abgeleitet das Wort „Wollust“) in der Ehe vorkam. Um sie mit Gewissenskonflikten zu ersticken, malte man durchaus das Auge Gottes an die Decke über den Betten. Die Zeit ist wohl vorbei. Die Mehrheit hat sich aus den Zwängen weitgehend befreit. Die Überwindung des vorgeschichtlichen Menschenbildes erleben wir heute als Individualismus und Liberalismus.

Fast jeder, der Partnerfreiheit verlangt, wendet sich lieber von der Religion ab als von der geschlechtlichen Liebe. Die Autorität der Religion ist schwach geworden. Oft genug öffnet heute das Partnerwahlmotiv nicht mehr erst umständlich das Tor zur seriellen Monogamie, sondern führt die Promiskuität gleich in die Ehe ein: als Polyamory oder gar Polygamie. Die Kommunikationstechnik macht es einfach, Partner zu finden, die der Hochachtung wert erscheinen und wo aus Hochachtung Liebe wird. Die Zahl der Versuche gering zu schätzen, bedarf eines großen Optimismus. Die vielen Swingerclubs sind eine deutliche Sprache. Niemand kann auch kontrollieren, wie viele Ehen still erweitert sind. Es interessiert auch nur noch wenige. Manche schmunzeln eher. Auf Bairisch: „Hund san´s ja scho, die vo gegenüber.“

Eine Synode über Ehe und Ehebruch sowie über Vergebung würde die Wirklichkeit durchleuchten. Die Diskussion würde vor allen Dingen Widersinnigkeiten sichtbar machen. Zum Beispiel: Der Glaube lehrt die Freude an der Nächstenliebe (sie ist ein positiver Wert), aber verweist ihre körperliche Verwirklichung ins Reich des Bösen, noch dazu obwohl gerade die sexuelle Freude ein würdiges Ethos vertritt, nachdem sie ja, wenn man will, an das potentielle Leben eines neuen Menschen erinnert und damit ans Da-Sein überhaupt, und wenn nicht das, dann erhöht sie den Wert des Partners, macht ihn sichtbar. An die Berechtigung der christlichen Unvereinbarkeit mag einer wohl glauben, aber es überzeugt nicht. Abgesehen von Pornographie, Pädophilie und Gewalt ist es aussichtslos, die Sexualität schlechtzureden.

Das sechste Gebot ist gar in einen noch direkteren Widerspruch verwickelt. Es begreift Treuepflicht zu einem einzelnen Partner als Untreuepflicht zu allen anderen. Oder so gesagt: Das religiöse Treueverständnis verlangt Menschenfeindlichkeit, Entwürdigung derer, die mit geliebt sein möchten, und stellt sich damit gegen die als absolut dargestellte Menschenliebe. Man kann zwar bei diesem Argument skeptisch das Gesicht verziehen. Aber dann kommt der Punkt aufs i: Eine Mutter darf die Treue zu einem ihrer Kinder keinesfalls mit der Untreue zu den übrigen verbinden. Um die Treue-Antinomie aufzuheben, muss man in der Tat die Sexualität zur absoluten Sünde erklären und verfällt damit in den schon genannten anderen Widerspruch zum Prinzip Leben. Überhaupt wird dann Kinderzeugung gänzlich zur Sünde. Irgendwo muss man dem Widersinn eine Grenze setzen, denn die Kirche will ja das Gegenteil von Widersinn reden.

Keine Diskussion, die nicht einem Fragezeichen gewidmet wäre! Und kein Fragezeichen, das nicht nach Wahrheit sucht.
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Portrait der Platonakademie
Die 1995 erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der Herkunft der Naturgesetze und nach der besten Gesellschaftsform zu finden. Sie strebt keinen juristischen Status an (Verein etc.). Die PA wurde 529 von der Kirche wegen weltanschaulicher Konkurrenz verboten.
Leitung: Anton Franz Rüdiger Brück, geb. 1938, Staatsangehörigkeit Deutsch. Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Philosophie, Pädagogik. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst. Mail: platonakademie(at)aol.de


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